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20. September 2021  Aktuelles

Fokus

Brasilien zwischen Gesundheitskrise und Ernährungskrise

Während in Brasilien - ausgelöst durch das Coronavirus - die Gesundheitskrise wütet, breitet sich noch eine andere Krise immer weiter aus: die Hungerkrise. Durch eine untätige Regierung, die sich der Realität nicht stellen will und eine Bevölkerung, die am Ende ihrer Kräfte ist und unter der wiederholten Sparpolitik leidet, wurde das ohnehin schon extrem besorgniserregende Problem des Hungers im Lande noch verschärft.

Seit dem Ausbruch der Pandemie in Brasilien sind hier mehr als 515.000 Menschen an Covid-19 gestorben. Nachdem der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro das Ausmaß der Gesundheitssituation über mehrere Monate geleugnet hatte, verursachte er die Verzögerung der Impfpläne und brachte damit die gesamte Bevölkerung in Gefahr. Das Land verzeichnet durchschnittlich die höchste Anzahl an täglich neuen Todesfällen weltweit. Von 5 Todesfällen pro Tag in der Welt fällt einer auf Brasilien. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels sterben in Brasilien immer noch mehr als 2.000 Menschen täglich an dem Coronavirus. Dies ist eine der höchsten Raten der Welt. Obwohl die Anzahl der Fälle, die sich mit dem Ausbruch der Variante weiter verschlimmert, explodiert, hat sich der brasilianische Präsident nicht für eine weiteren Lockdown entschieden und skandiert, er wolle die „Wirtschaft seines Landes um jeden Preis erhalten“.

Die Regierung will „die Wirtschaft erhalten“ - doch wie sieht es mit dem Schutz der Bevölkerung aus? Seit dem Ausbruch der Gesundheitskrise sind die Armen noch ärmer geworden. In den Städten und auf dem Land leidet die Bevölkerung Hunger. Trotz dieser gravierenden Lage wurde keine einzige konkrete und nachhaltige soziale Maßnahme ergriffen, um denjenigen zu helfen, die durch die Gesundheitskrise alles verloren haben.

55% der Brasilianer leiden unter Ernährungsunsicherheit

Seit 2018 trotzt Brasilien - die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt - einer schweren Ernährungskrise. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Anzahl hungernder Menschen um 100.000 erhöht (insgesamt sind es 5,2 Millionen). Die Ursachen dafür sind der plötzliche Anstieg von Armut und Arbeitslosigkeit sowie drastische Kürzungen der Budgets für die Landwirtschaft und die Sozialversicherung. Daran ist die Regierung Bolsonaro nicht unschuldig.

Zwar sind in den letzten Jahren neue Programme für die Schaffung von Ernährungssouveränität im Land erstellt worden, doch die meisten davon sind nun gefährdet. Dadurch, dass die Regierung Bolsonaro das Recht der Bevölkerung, über ihr Land und ihre Ressourcen zu verfügen, missachtet und ausländischen Agrarinvestoren bei dem Zugang zu den fruchtbarsten Böden den Vorrang gibt, hat sie die Bäuerinnen und Bauern, aber auch die Menschen in der Stadt, zum Hunger verurteilt. Denn abgesehen davon, dass die Gemeinden nicht ernährt werden, hat die vom Präsidenten favorisierte intensive Landwirtschaft ausländischer Investoren starke Auswirkungen auf das soziale Leben der Brasilianerinnen und Brasilianer. Steigende Rohstoffkosten machen es für sie noch schwieriger, sich und ihre Familien zu ernähren. Insgesamt leiden im Jahr 2020 mehr als 55% [1] der Brasilianer unter Ernährungsunsicherheit, das sind fast 20 Millionen Menschen, die Hunger leiden. In weniger als zwei Jahren sind 8 Millionen Menschen zu diesen bereits alarmierenden Zahlen hinzugekommen.

Die Pandemie verstärkt die Armut...und den Hunger

Die Coronavirus-Pandemie hat die ohnehin schon alarmierende Situation weiter verschärft und zu einem plötzlichen Anstieg der Armut und des Hungers im Land geführt. Innerhalb kürzester Zeit hat die Coronavirus-Krise die bereits vorhandene Wirtschaftskrise im Land noch verschlimmert. Die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen, haben die armen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Städten (häufig im informellen Sektor tätig) und der Bäuerinnen und Bauern in den abgelegenen Gebieten noch zusätzlich geschwächt. Ohne Sicherheitsnetz, ohne Ersparnisse zum Überleben haben diese Menschen oft über Nacht alles verloren.

Die durch die Pandemie verursachte Krise hat die Ernährungsunsicherheit, die das gesamte Land überrollt, noch verschärft. „Die erste Auswirkung betrifft die Qualität der Lebensmittel im Allgemeinen: Die Menschen essen weniger gesunde Produkte und dafür mehr verarbeitete Lebensmittel. Die zweite Auswirkung betrifft die kleinere Menge an den Nahrungsmitteln, zu denen die ärmsten Schichten der Gesellschaft Zugang haben. Vor Ort fordern Verbände und die Zivilgesellschaft eine langfristige Politik, die das Recht auf gesunde Nahrung für alle garantiert, statt einer Notfallpolitik“, erklärt die internationale NGO ActionAid in einem aktuellen Bericht.

Zwar zahlte die Regierung von Präsident Bolsonaro seinerzeit Zuschüsse an fast ein Drittel der ärmsten Brasilianerinnen und Brasilianer, doch schon bald (im vergangenen September) wurden diese „Nothilfen“ in Höhe von 600 Reais (ca. 90 Euro, Anm. d. Red.) halbiert, bis die Zahlungen schließlich Ende 2020 ganz eingestellt wurden. „Die Hilfen der Regierung sind lächerlich, aufgrund der inflationären Lebensmittelpreise kann man heute in Brasilien nicht einmal mehr das Minimum kaufen. Die Familien sind in dieser Pandemie nicht in der Lage, zu überleben“, warnt Gabriel, ein Mitglied der Bewegung der Landlosen (MST).

So sind die Schlangen vor den Ausgabestellen für Lebensmittelpakete seit einigen Wochen ellenlang. Manche Menschen stehen stundenlang an, um einen Teller mit etwas Reis und Soße zu bekommen. Für die Mehrheit von ihnen ist dies die einzige Mahlzeit des Tages. Ohne strukturelle soziale Unterstützung können sich diese Menschen nicht über Wasser halten.

Handeln im Angesicht der Krise: Die Pastorale Landkommission der Region Goiás mobilisiert

Brasilien gilt schon seit einigen Jahren als Schwellenland. Allerdings hat die ultraliberale Politik der neuen Regierung die Ungleichheit verstärkt. Der Reichtum konzentriert sich auf eine kleine Elite, während immer mehr Brasilianerinnen und Brasilianer in Armut leben. Covid-19 hat diese Situation noch verschärft. Dadurch ist die Hungerkrise explodiert. Im Bundesstaat Goiás, in der zentral-westlichen Region des Landes, könnte sie sich als besonders tödlich erweisen. Nach Angaben des Gouverneurs dieses Bundesstaates leiden (bei einer Bevölkerung von 7 Millionen) über 2 Millionen Menschen durch Covid-19 unter Ernährungsunsicherheit. Hier könnte die Stärkung der landwirtschaftlichen Familienbetriebe in der Region eine Lösung sein.

Um dieser Krise die Stirn zu bieten, ist unser langjähriger Partner, die Pastorale Landkommission der Region Goiás (CPT Goiás) voll im Einsatz. Ihre Mission? Die Anzahl der Hungeropfer zu senken, die aufgrund von Covid-19 täglich steigt. Dank der bedeutenden Arbeit von CPT Goiás werden nicht weniger als 16 Gemeinden mit 2.227 Bäuerinnen und Bauern unterstützt. Diese Gemeinden befinden sich in den sechs Diözesen, in denen die CPT Goiás tätig ist: Formosa, Goiás, Uruaçu, Goiânia, Ipameri und São Luís dos Montes Belos.

Um die Ernährungssicherheit dieser Menschen zu gewährleisten, stützt sich die CPT Goiás auf 3 Achsen: Stärkung der landwirtschaftlichen Produktion und Aufbau von Saatgutbanken, die es der Bevölkerung ermöglichen, Autonomie zu erlangen, Rückgabe und Erhalt der Wasserquellen, um das Land mit dem Ziel, die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, fruchtbar zu machen, Bildung von Zusammenschlüssen, um bei den Behörden mehr Gewicht zu haben und den direkten Verkauf der Produkte zu fördern, um so eine schwere Hungerkrise zu vermeiden. Es sind konkrete und nachhaltige Aktionen der Zivilgesellschaft, die es den Brasilianerinnen und Brasilianern in dieser Region des Landes ermöglichen, dem Hunger langfristig zu entkommen.

Hungerzahlen in Brasilien

  • 55 % der Brasilianer leiden unter Ernährungsunsicherheit.
  • 43,1 Millionen Brasilianer litten im Jahre 2019 laut FAO unter Ernährungsunsicherheit.
  • Die Lebensmittelkosten sind im Jahr 2020 um 20 % gestiegen.
  • 74 % der Referenzpersonen in Haushalten, die sich in einem Zustand ernsthafter Unsicherheit befinden, sind schwarz; 52 % sind Frauen (Brasilianisches Institut für Geographie und Statistik IBGE).


[1Quelle: Brasilianisches Forschungsnetzwerk für Ernährungssouveränität und Ernähungssicherheit (Pensann)



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